...das ist im Essener Don Bosco Club Realität. Seit 2012 können Kinder und Jugendliche dort den Boxsport erlernen. Und das mit großem Erfolg. Denn bei dem Projekt steht nicht nur körperliche Fitness im Vordergrund. Ziel des Projektes ist es, das Selbstwertgefühl der jungen Sportler zu steigern und ihr Aggressionspotential in die richtigen Bahnen zu lenken. Das Don Bosco magazin hat eine der Sportlerinnen begleitet: Janine Nowak*. Die Elfjährige boxt seit zwei Jahren und erzählt von ihren Erfahrungen.

dbmHoch konzentriert steht Janine ihrem Trainer gegenüber. Ohne den Blick zu wenden, hört sie auf seine Anweisungen und führt die nächsten Schläge aus. Zack, zack, zack, zielsicher trifft sie mit ihren Boxhandschuhen die Pratzen, die Dzmitry Karakou ihr hinhält. Das Training mit den Schlagpolstern im Keller des Don Bosco Clubs verlangt ihr einiges ab. Die Elfjährige fängt an zu schwitzen, arbeitet nach einer kurzen Pause am Sandsack weiter. Und schon steht Trainer Karakou wieder vor ihr, um an der richtigen Schlagtechnik zu feilen.

Gerade einmal 41 Kilogramm wiegt Janine Nowak bei etwa 1,63 Metern Körpergröße. Sehr zart, fast schon zerbrechlich sieht das dunkelblonde Mädchen mit seinen schlanken Armen aus, wenn es mit seinen weiten Shorts vor einem steht. Doch einmal die Boxhandschuhe übergezogen, scheint sich Janine im Boxkeller schier zu verwandeln. Entschlossen und selbstbewusst tritt sie dort auf. Das Boxtraining macht sie genauso gut mit wie die teils älteren Jungen in ihrer Gruppe.



Ein guter Boxer und körperlich fit zu werden, ist aber nur einer der Zwecke des Boxprojekts, das der Don Bosco Club seit zweieinhalb Jahren anbietet. Was die Kinder und Jugendlichen im offenen Haus der Salesianer ebenfalls lernen sollen und was für den Boxsport unerlässlich ist: Regeln einhalten, respektvoll miteinander umgehen sowie diszipliniert arbeiten und auch mal an seine Grenzen gehen. Außerdem soll das Projekt das Selbstwertgefühl stärken. "Mit dem Projekt wollen wir Kinder und Jugendliche von der Straße holen und wieder auf den richtigen Weg bringen", erklärt Susanne Bier, Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin des Don Bosco Clubs. Denn von den rund 130 Kindern und Jugendlichen, die täglich den Don Bosco Club besuchen und Angebote wie die Hausaufgabenbetreuung nutzen, kommen mehr als die Hälfte aus sozial schwachen Familien. Manche von ihnen brauchen Orientierung, um sich im Alltag zurechtzufinden. Andere leben in problematischen Verhältnissen und suchen im Club Anschluss.

Nicht zuletzt habe es früher viele Jugendliche mit einem großen Aggressionspotential im Umfeld des Clubs gegeben, ergänzt Susanne Bier. Mit Beginn des Boxprojekts habe sich das bereits nach einem halben Jahr geändert. Ein entscheidender Aspekt, der für das Projekt spricht. "Wir wollen hier keine Schläger ausbilden", betont Tom Jekel, stellvertretender Leiter des Clubs und früher selbst aktiver Boxer. Das Boxen sei eine Möglichkeit, sich abzureagieren und gleichzeitig Spaß an Bewegung zu finden. "Ich kann hier meine Wut rauslassen, wenn ich sauer bin", sagt Janine ganz ehrlich. "Danach fühle ich mich besser", ergänzt sie. Doch für sie und alle anderen ist klar: Auf der Straße darf nicht geboxt werden. "Wir wollen, dass die Jugendlichen Spaß an der Sache haben", so Susanne Bier. "Außerdem vermitteln wir, dass Boxen ein Sport ist." Mit dem Boxen sollen die Kinder und Jugendlichen sich selbst etwas Gutes tun, sich motivieren können, den Blick nach vorne richten.

- Das größte Boxprojekt in Nordrhein-Westfalen -

Nach kurzer Zeit entwickelte sich das Boxprojekt zum Selbstläufer. Aus einer Handvoll Jugendlichen ist das mittlerweile größte Boxprojekt in ganz Nordrhein-Westfalen geworden. 115 Mitglieder gehören zurzeit der Abteilung Boxen an, die der DJK Eintracht Borbeck, dem Sportverein des Don Bosco Clubs, angeschlossen ist.
"Wenn wir die Möglichkeiten hätten, könnten wir noch mehr Kinder aufnehmen", so Susanne Bier über die zahlreichen Anfragen, die sie jede Woche erhält und für die es bereits eine Warteliste gibt. "Wir wurden sogar gefragt, ob wir nicht auch eine Hausfrauen- und eine Seniorengruppe gründen könnten."

Verletzungen hat es in den vergangenen zweieinhalb Jahren fast keine gegeben. "Hier hat höchstens mal eine Nase geblutet", erinnert sich Tom Jekel. Schließlich stehen die jungen Boxer mit Kopf- und Mundschutz im Ring. Bandagen unter den Handschuhen stärken zudem die Gelenke. "Beim Fußball gibt es sicherlich mehr Verletzungen", ist er sich sicher.

- Janine ist ein Riesentalent -

Janune fing mit 9 Jahren an zu boxen. Seit sie fünf ist, kommt sie regelmäßig zum Club, wohnt in direkter Nähe. "Ich wollte es einfach mal ausprobieren", sagt die Sechstklässlerin, der das Boxen sofort Spaß gemacht hat. Schon nach zwei Monaten sei klar gewesen, dass Janine ein "Riesentalent" ist, wie es Tom Jekel ausdrückt. Vier Mal in der Woche kommt sie zu den etwa einstündigen Trainingseinheiten. Und auch wenn die jungen Sportler mit dem Boxen nicht ihre körperliche Stärke demonstrieren sollen, so ist Janine doch auf andere Weise stark geworden. "Früher war ich sehr ängstlich und habe kaum geredet", beurteilt sich die Elfjährige selbst. Mittlerweile traue sie sich mehr zu, sei auch selbstbewusster geworden. Eine positive Veränderung, die sich auch auf ihre Schulnoten übertragen hat. "Ich habe nur noch Noten zwischen eins und drei", sagt das Mädchen, das die Gesamtschule Borbeck besucht, stolz.

"Cool" und "gut", das sind die Attribute, die Janine über die Lippen kommen, wenn sie erklären soll, wie sie den Boxsport findet. Im November stand sie für ihren ersten Wettkampf im Ring. Dort boxte sie in einem Hochring vor 500 Zuschauern. "Zuerst war ich sehr aufgeregt", sagt Janine. "Aber dann habe ich mich ganz auf den Kampf konzentriert." Weitere Wettkämpfe stehen an, auch wenn es in ihrer Gewichtsklasse schwierig ist, Gegnerinnen zu finden. Über drei Runden à eine Minute geht so ein Kampf. Und auch der Westfälische Boxverband hat Interesse bekundet, sich Janine bei einer sogenannten Sichtung genauer anzuschauen. Schließlich bringt sie genau das mit, was ein guter Boxer braucht. "Das sind vor allem ein gutes Körpergefühl, schnelle Reflexe und die richtige Koordination", weiß Tom Jekel aus eigener Erfahrung. Die nötige Technik und Kondition ließen sich erarbeiten.

Dafür ist ein Trainer wie Dzmitry Karakou genau der richtige Mann. Der 39-jährige kämpfte früher sogar für die russische Nationalmannschaft. "Für ihn gibt es nur Sport und Gott", sagt Tom Jekel. Wie auch die anderen Trainer, steht Karakou hinter der ganzheitlichen Pädagogik des Don Bosco Clubs. Trotz vieler Anfragen lässt er sich nicht abwerben, weil er sich dem Club verbunden fühlt. "Er ist eine Lichtgestalt für die Kinder", so Jekel - und eines der Vorbilder, die die Kinder und Jugendlichen im Don Bosco Club brauchen, die überzeugen und ein Projekt zum Erfolg machen. Alles andere als ein Knock-Out eben.

Für Janine ist das Projekt ein Treffer. Tom Jekel: "Sie ist jung und gut und schon auf dem Stand einer 14- oder 15-jährigen." Beim Training dringt immer wieder die Stimme des Trainers an ihr Ohr. "Schneller, Pause, weiter", kommen die knappen Ansagen des Weißrussen. Janine beißt die Zähne zusammen, um durchzuhalten. Schließlich schickt sie der Trainer zum Seilspringen. Zwischen Speedbällen, Box-Dummie und Pratzenautomaten klemmt sie schließlich ihre Beine unter die Heizung, um am Ende auch noch die Bauchmuskeln zu trainieren. Dank des Boxprojekts weiß sie jetzt, welche Möglichkeiten sie hat, und kann Ziele entwickeln. Und im Leben wie im Ring selbstsicher antreten.


- Information -
Das Boxprojekt im Don Bosco Club Essen wurde 2012 ins Leben gerufen. Unter der Leitung des ehemals selbst aktiven Boxers Tom Jekel hat es sich zum größten Boxprojekt in Nordrhein-Westfalen entwickelt. 115 Mitglieder zwischen 6 und 19 Jahren gehören der Abteilung Boxen an, die der DJK Eintracht Borbeck, dem Sportverein des Don Bosco Clubs, angeschlossen ist. Etwa 20 Prozent der Kinder sind Mädchen, bei den Jugendlichen sind es etwas weniger. Die acht verschiedenen Boxgruppen werden von sieben Trainern unterrichtet. Zu den Gruppen gehören unter anderem eine Hobbygruppe, eine Box-AG des angrenzenden Don Bosco Gymnasiums sowie die Leistungsgruppe für Sportler, die auch bei Wettkämpfen vertreten sind. Auch Kinder mit Behinderungen sind in die Gruppen integriert.


 

 

Dieser Bericht ist eine Abschrift aus der 2. Ausgabe 2015 des Don Bosco Magazin, welches kostenfrei zu abonnieren ist.

Ein sehr ausführlicher Bericht, der sehr schön vor Augen führt, was soziales Engagement, unterstützt von Bekanntheiten wie Freddy Fischer und seiner gleichnamigen Stiftung, sowie Institutionen wie dem Lions-Club Essen, alles bewirken kann...Danke!!!

P.S.: Name und Gewicht der boxenden jungen Dame sind im Bericht geändert - "Kenner" des Don Bosco Clubs dürften jedoch wissen, wer gemeint ist... ;)